„Das Glück der Erde spiegelt sich in den Augen der Pferde“

Doch dieses Glück muss sich erst erarbeitet werden! Dass wir Menschen von Pferden getragen werden, sollte nie selbstverständlich sein. Ein tatsächliches Miteinander braucht beidseitiges Vertrauen, Achtsamkeit und Wertschätzung.

Ich habe das große Glück, mittlerweile mit vier Pferde bzw. Ponys zusammenleben zu dürfen.

Die vier sind nicht nur hinsichtlich ihrer Körpergröße sehr unterschiedlich, sondern auch von ihrem Charakter.

Dies macht es möglich ganz viele verschiedene Bereiche zu thematisieren und so unterschiedliche Kompetenzen zu fördern oder auch Konstellationen zu ermöglichen, wie z.B. Mutter-Kind-Pferdeerlebnisse.

Die Ponys und Pferde werden nicht nur im Rahmen meiner Tätigkeit als Lehrerin im Schulvormittag sondern auch im meiner Nebentätigkeit als Fachkraft für tiergestützte Intervention und pferdegestützte Therapeutin eingesetzt. So kommt es, dass vor allem die beiden Shetlandponydamen auch in der Lebenshilfe – Peckelsheim, einer Wohnstätte für Erwachsene mit geistiger Behinderung, mit mir anzutreffen sind.

Mirabell kurz „Miri“ kam in den Osterferien 2019 zu uns. Sie ist ein Shetty und 2002 geboren. Das Besondere an Miri ist ihre enorm fröhliche, offene, menschenbezogene und kommunikative Art. Jeder, der auf den Hof kommt wird fröhlich angewiehert. Auch beim gemeinsamen Arbeiten kommen viele niedliche Geräusche aus dem kleinen Ponymund.

Insbesondere Kinder bereiten Miri große Freude. Aktuell wird sie regelmäßig von einer Dreijährigen (mittlerweile Fünfjährigen) „versorgt und geritten“. Im Winter 2019/20 habe ich Miri eingefahren, sodass sie jetzt auch ganz wunderbar ihre Gig hinter sich her zieht und auch von Kindern (unter Aufsicht) gefahren werden kann.

Miri ist sehr intelligent und großherzig, doch ihr Gegenüber benötigt Feingefühl, Ehrlichkeit und Klarheit, um mit ihr gemeinsam ans Ziel zu gelangen.

Meine geliebte Milla wurde 2016 mit 18 weiteren Tinkern aus Irland importiert. Ich lernte sie zunächst als ihre Reitbeteiligung kennen, doch als es um den Verkauf der 18 Tinker ging, wurde mir sehr schnell klar, dass ich sie nie wieder in meinem Leben missen möchte und kaufte sie.

Milla war zu Beginn eine misstrauische Stute. Sah sie einen Menschen auf der Koppel, sah dieser nur noch eine Staubwolke von ihr. Doch ich konnte es ihr nicht verübeln. Sie hat tiefe Narben am Hals und war Kopfscheu. 

Was genau ihr in ihrem Leben bereits passiert ist, werde ich woh

l nie erfahren, doch die Vermutungen lassen nichts Gutes erahnen. Sie wurde als eingerittenes Verlasspferd nach Deutschland verkauft, doch alleine das Aufsteigen musste geübt werden und von dem üblichen Lob, durch das Klopfen auf den Hals, musste ich mich sehr schnell verabschieden, denn dies machte ihr große Angst. Trotz ihrer Vergangenheit wurde sie Menschen gegenüber jedoch nie aggressiv oder ähnliches.

Heute scheint es hingegen, als sei Milla ein anderes Pferd. Komme ich auf dem Hof, wiehert sie mir schon entgegen und kommt auf Zuruf angelaufen. Putzen, Hufschmied, Anhänger fahren, Ausritte, Freiarbeit, Spaziergänge und Dressurübungen macht sie trotz ihres „Tinkerkopfes“ gut mit. Sie versucht auch noch nach ihrem Training wieder hinter mir her durch die Stalltür zu kommen, um mir zu folgen.

Besonders faszinierend ist es, Milla mit Kindern zu beobachten. Ihnen gegenüber ist sie sehr vorsichtig und unglaublich wohlwollend. Zur Begrüßung werden die kleinen Menschen von ihr vorsichtig abgeschnuppert und am Anbinde- und Putzplatz beobachtet, damit sie ihnen auch Platz lassen kann. Sie respektiert die Kleinsten und baut schnell zu ihnen Vertrauen auf. So auch bei einem meiner Schüler. Ich erzählte dem Siebenjährigen beim gemeinsam Pferd Putzen Millas Lebensgeschichte und dieser hörte andächtig zu und verstand sofort, als ich sagte: „Milla macht nur etwas gerne mit Menschen, wenn sie ihnen vertraut und weiß, dass sie es gut mit ihr meinen.“ Danach ging es auf unseren Reitplatz, wo ein großer Parcours aufgebaut war (bestehend aus Dualgassen, Slalomhütchen, dem Rollen eines Gymnastikballs, dem Steigen auf ein Podest, dem Öffnen und Schließen eines Regenschirms, dem Berühren von Flatterband und dem Wippen auf einer großen Pferdewippe).  Nach kurzer gemeinsamer Parcoursbesichtigung war mein junger Schüler in der Lage, meine 500kg schwere sanfte Milla durch den vielfältigen Parcours zu dirigieren, während ich mich vertrauensvoll vollkommen zurückzog und am Rand des Platzes aufhielt. Die beiden wurden zu einer Einheit. Sie achteten gegenseitig auf einander: „Achtung Milla, da liegt ein Stein!“ und Milla ging vorsichtig hinter dem Jungen

her, damit sie ihn nicht umlief. Sie machten sich Mut: „Milla, du schaffst das! Du musst keine Angst vor dem Regenschirm haben!“ und Milla lief langsam und achtsam, als sie den Jungen zum Ende des Settings auf dem Rücken trug. Ziel der beschriebenen Kind-Pferd-Interaktion war es, das Selbstwertgefühl über die Selbstwirksamkeit des Jungen zu fördern, was unglaublich gut funktioniert hat. Der Siebenjährige schwärmte von Milla und seinem Tun: „Wir haben das richtig gut gemacht!“, „Milla hat mir vertraut!“ & „Ich bin der Beste!“.

Durch ihre Lebensgeschichte und ihre Feinfühligkeit spürt Milla schnell, welcher Mensch ihr gegenübersteht. Sie ist ein starkes großes Tier, dass aber trotzdem viele Ängste hat und diese auch haben darf. Dadurch gibt sie ihrem Gegenüber die Möglichkeit ebenfalls im gleichen Moment stark und schwach sein zu dürfen: „Wenn ein Pferd am Tag vor einem Regenschirm Angst hat, dann darf ich doch wohl in der Nacht Angst vor Gespenstern haben.“

Im Sommer 2020 machte ich mich auf die Suche nach einer Tinkerstute. Miri (Shetty)und Milla (Tinker) standen mit Paule (Shetty einer Freundin) zusammen und ich wollte für Milla eine Freundin auf Augenhöhe suchen. Auf der langen und anstengenden Suche fand ich Mey

Eine junge, große, starke und gelassene Tinkerstute aus Bayern. Sie wurde ursprünglich mal für einen 70jährigen gekauft, der auf ihr das Reiten lernen sollte. Doch die junge Mey (damals 6jährig) hatte mit ihrem Tinkerkopf ganz andere Vorhaben – Also wurde sie verkauft und wir fanden zueinander.

Mey ist mittlerweile Leitstute, versteht sich mit allen Ponys super und lässt sie aus ihrer Heuraufe mit fressen. Auf der einen Seite ist Mey sehr gelassen und lässt z.B. den Tierarzt sämtliche Untersuchen ganz entspannt über sich ergehen. Auf der anderen Seite hat auch sie scheinbar schlechte Erfahrungen gemacht (Was Mey im Alter von 1 bis 6 erlebt hat, weiß ich leider nicht.). Sie war schreckhaft, wenn ich mit der Schubkarre rappelnd an ihr vorbei fuhr und hat Angst davor mit dem Wasserschlauch abgespritzt zu werden, obwohl sie gerne in der Diemel baden geht. Aber daran arbeiten wir genauso wie an ein paar weiteren Baustellen, die aber wohl jedes junge Pferd auf dem Weg zum Freizeit- und Pädagogikpferd hat.

Kindern gegenüber ist Mey von Anfang an sehr aufgeschlossen und freundlich. Sie lässt sich mit über 600kg auch von ihnen führen und putzen. Entspannt trägt die große Mey die Kinder und Jugendlichen auf ihren Rücken durch den Trailparcours oder durch das Gelände.

Rosalie kurz „Rosie“ ist seit August 2021 Teil unserer Familie. Sie ist das kleine „Gegenstück“ zu Miri. Ein Shetty braucht die Möglichkeit der Shetty-Gesellschaft. Außerdem sind Shettys einfach wunderbare Pferdepersönlichkeiten im kleinen Pony-Körper, die toll in der tiergestützten Arbeit einzusetzen sind. So machte ich mich auf die Suche und fand Rosalie. Die kleine Dame ist genauso alt und groß wie Miri, hat aber natürlich eine ganz andere Persönlichkeit. Sie ist sehr fit und liebt es sich zu bewegen. Außerdem ist sie sehr klug, weiß was sie will und sagt das auch und liebt es neue Tricks zu lernen. Für die Zukunft ist geplant, sie ebenfalls als Kutschpony auszubilden.

Ein Pferd bietet die Möglichkeit Verantwortung abzugeben und sich tragen zu lassen.

Ein Pferd bietet die Möglichkeit sich selbst auf eine andere Weise zu spüren.

Ein Pferd bietet die Möglichkeit ganz hier im Jetzt zu sein.

Ein Pferd bietet die Möglichkeit auch fachliche Inhalte scheinbar nebenbei zu lernen. Ein Pferd zu führen oder es zu reiten und Memory spielen, Vokabel lernen oder Mathematikaufgaben lösen kann nämlich überaus gut miteinander verbunden werden.

Alle vier zusammen (vorn – Rosalie, links – Milla, hinten/Mitte – Mey, rechts – Miri)