„Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“ Friedrich von Bodenstedt

Doch dieses Glück muss sich erst erarbeitet werden! Dass wir Menschen von Pferden getragen werden, sollte nie selbstverständlich sein. Ein tatsächliches Miteinander braucht beidseitiges Vertrauen, Achtsamkeit und Wertschätzung.

Mein Herzenspferd Milla wurde 2016 mit 18 weiteren Tinkern aus Irland importiert. Ich lernte sie zunächst als ihre Reitbeteiligung kennen, doch als es um den Verkauf der 18 Tinker ging, wurde mir sehr schnell klar, dass ich sie nie wieder in meinem Leben missen möchte und kaufte sie.

Milla war zu Beginn eine misstrauische Stute. Sah sie einen Menschen auf der Koppel, sah dieser nur noch eine Staubwolke von ihr. Doch ich konnte es ihr nicht verübeln. Sie hat tiefe Narben am Hals und war Kopfscheu. 

Was genau ihr in ihrem Leben bereits passiert ist, werde ich wohl nie erfahren, doch die Vermutungen lassen nichts Gutes erahnen. Sie wurde als eingerittenes Verlasspferd nach Deutschland verkauft, doch alleine das Aufsteigen musste geübt werden und von dem üblichen Lob, durch das Klopfen auf den Hals, musste ich mich sehr schnell verabschieden, denn dies machte ihr große Angst. Trotz ihrer Vergangenheit wurde sie Menschen gegenüber jedoch nie aggressiv oder ähnliches.

Heute scheint es hingegen, als sei Milla ein anderes Pferd. Komme ich auf dem Hof, wiehert sie mir schon entgegen und kommt auf Zuruf angelaufen. Putzen, Hufschmied, Anhänger fahren, Ausritte, Freiarbeit, Spaziergänge und Dressurübungen macht sie trotz ihres „Tinkerkopfes“ gut mit. Sie versucht auch noch nach ihrem Training wieder hinter mir her durch die Stalltür zu kommen, um mir zu folgen.

Besonders faszinierend ist es, Milla mit Kindern zu beobachten. Ihnen gegenüber ist sie sehr vorsichtig und unglaublich wohlwollend. Zur Begrüßung werden die kleinen Menschen von ihr vorsichtig abgeschnuppert und am Anbinde- und Putzplatz beobachtet, damit sie ihnen auch Platz lassen kann. Sie respektiert die Kleinsten und baut schnell zu ihnen Vertrauen auf. So auch bei einem meiner Schüler. Ich erzählte dem Siebenjährigen beim gemeinsam Pferd Putzen Millas Lebensgeschichte und dieser hörte andächtig zu und verstand sofort, als ich sagte: „Milla macht nur etwas gerne mit Menschen, wenn sie ihnen vertraut und weiß, dass sie es gut mit ihr meinen.“ Danach ging es auf unseren Reitplatz, wo ein großer Parcours aufgebaut war (bestehend aus Dualgassen, Slalomhütchen, dem Rollen eines Gymnastikballs, dem Steigen auf ein Podest, dem Öffnen und Schließen eines Regenschirms, dem Berühren von Flatterband und dem Wippen auf einer großen Pferdewippe).  Nach kurzer gemeinsamer Parcoursbesichtigung war mein junger Schüler in der Lage, meine 500kg schwere sanfte Milla durch den vielfältigen Parcours zu dirigieren, während ich mich vertrauensvoll vollkommen zurückzog und am Rand des Platzes aufhielt. Die beiden wurden zu einer Einheit. Sie achteten gegenseitig auf einander: „Achtung Milla, da liegt ein Stein!“ und Milla ging vorsichtig hinter dem Jungen her, damit sie ihn nicht umlief. Sie machten sich Mut: „Milla, du schaffst das! Du musst keine Angst vor dem Regenschirm haben!“ und Milla lief langsam und achtsam, als sie den Jungen zum Ende des Settings auf dem Rücken trug. Ziel der beschriebenen Kind-Pferd-Interaktion war es, das Selbstwertgefühl über die Selbstwirksamkeit des Jungen zu fördern, was unglaublich gut funktioniert hat. Der Siebenjährige schwärmte von Milla und seinem Tun: „Wir haben das richtig gut gemacht!“, „Milla hat mir vertraut!“ & „Ich bin der Beste!“.

Durch ihre Lebensgeschichte und ihre Feinfühligkeit spürt Milla schnell, welcher Mensch ihr gegenübersteht. Sie ist ein starkes großes Tier, dass aber trotzdem viele Ängste hat und diese auch haben darf. Dadurch gibt sie ihrem Gegenüber die Möglichkeit ebenfalls im gleichen Moment stark und schwach sein zu dürfen: „Wenn ein Pferd am Tag vor einem Regenschirm Angst hat, dann darf ich doch wohl in der Nacht Angst vor Gespenstern haben.“

Ein Pferd bietet die Möglichkeit Verantwortung abzugeben und sich tragen zu lassen.

Ein Pferd bietet die Möglichkeit sich selbst auf eine andere Weise zu spüren.

Ein Pferd bietet die Möglichkeit ganz hier im Jetzt zu sein.

Ein Pferd bietet die Möglichkeit auch fachliche Inhalte scheinbar nebenbei zu lernen. Ein Pferd zu führen oder es zu reiten und Memory spielen, Vokabel lernen oder Mathematikaufgaben lösen kann nämlich überaus gut miteinander verbunden werden.